1 Stadt - 10 Tage - 100 FSJler
Nun ratet, wer ich bin:
- Ich schlafe mit Obdachlosen unter einem Dach, aber ein Straßenkind bin ich nicht.
- Ich diskutiere mit Bundestagsabgeordneten, aber ein Journalist bin ich nicht.
- Ich singe in der Ringbahn, aber ein Straßen(bahn)musikant bin ich nicht.
- Bin weder Aschenbrödel noch Rumpelstilzchen, ich bin eine Freiwillige im CVJM und verbrachte 10 Tage zwischen Knast und Kanzleramt in Berlin.
Unser methamorphosisches Abenteuer „FSJ-Kompaktseminar“ begann mit einem Vulkanausbruch in der Stadtmission. Rund 100 sozial engagierte Jugendliche aus ganz Deutschland strömten mit lavagleich leuchtenden Gesichtern aus dem Jugendgästehaus am Bahnhof, um die Hauptstadt zu erkunden. Wir hatten den Ehrgeiz, die Sehenswürdigkeiten per pedes zu erreichen oder die Muße, selbige durch Busfenster zu bestaunen.
Zwei Tage das Seminars standen ganz im Zeichen der Annäherung an die -manchmal so düstere- Vergangenheit unseres Landes; schien sie im Schulunterricht immer nur als formloser Schatten aufzutreten, gewann sie hier immer mehr an lebendiger Gestalt. Die deutsche Geschichte streichelte uns während einer Andacht in der Versöhnungskirche sanft über die Wange, nahm uns dann bei der Hand und führte uns die Bernauer Straße entlang; hinein in die Gedenkstätte Berliner Mauer, wo sie uns durch die Augen von Zeitzeugen, welche z.B. von Fluchttunnelbauten berichteten, direkt anblickte. Fast schon zu nahe kam die Vergangenheit, als sie uns im Stasigefängnis Hohenschönhausen durch die bedrückenden Gänge trieb. Fassungslos vor einer Folterzelle stehend spürte ich ihre brüchigen Fingernägel in meiner Schulter, während sie mir ihren historisch heißen Atem in den Nacken blies und ich unwillkürlich erschauderte.
Aus dieser hinterrücksen Umklammerung half uns Eberhard Heiße, indem er der Historie ein Gehege aus geschriebenem Wort (aus seinem Buch „Durchs rote Meer & andere Wüsten“) baute und uns sehr lebhaft und humorvoll aus seinem 1933 begonnenen Leben berichtete. In diesem geschichtlichen Streichelzoo gewannen wir neben einer enormen Horizonterweiterung auch unser Lachen wieder zurück. Ganz im Sinne von Jesaja 42,3 schenkte uns der frühere CVJM-Jugendarbeiter neue Hoffnung für das Zukünftige.
Und genau diese brauchten wir für die nächsten Tage: Politik stand auf dem Speiseplan! Diese durften wir auf vielfältigste Weise kosten und selbst verkneten. Im Bundesrat servierte man uns etwas trockenen Informationskuchen mit wichtigsüßer Glasur. Einige Berliner Abgeordnete fanden Zeit für Gespräche mit uns, in denen wir politische Rezepte austauschten und nach den richtigen Zutaten im Umweltschutz oder der angemessenen Anrichtung einer Generationengerechtigkeit forschten. Wir steckten unsere Nasen in die Töpfe der Drogenpolitik, verbrannten uns die Finger an der „gender mainstreaming“ - Pfanne und verquirlten Glaube und Politik zu einem christlich-politisch-engagierten Hefeteig, welcher in Zukunft hoffentlich noch weiter aufgehen wird.
Neben all der geschichtlichen und politischen Bildung kam das „C“ im Namen unseres Trägers jedoch keineswegs zu kurz! Während der ganzen Zeit begleiteten uns die 10 Gebote – in Bibelarbeiten beleuchteten unsere Referenten das vermeintlich ausgelaugte Thema aus ganz neuen Winkeln und mit maximaler Wattleistung.
Die von uns Freiwilligen selbst gestalteten Andachten rahmten jeden Tag besinnlich ein und beim Lobpreisabend sah und hörte man Jugendliche tanzen, schreien, beten, singen, sich an den Händen halten und lachen. Noch vielfältiger gestaltete sich die Auswertung am letzten Abend: Alle Kreativität brach aus uns hervor und wir gestalteten eine inhaltsschwangere und witzige Show mit Pantomime, Quiz, Theater, einem Märchen, Musik, Film und vielem mehr.
Ich denke, ein jeder von uns nimmt aus diesem Seminar eine ganze Menge an wertvollen Erfahrungen mit nach Hause bzw. in die Einsatzstelle. Sei es die christliche Gemeinschaft mit euphorischem Lobpreis (auch in der Öffentlichkeit), neue Freunde aus ganz Deutschland, das erweiterte geschichtliche Bewusstsein oder die Erkenntnis, dass „Politik ja doch interessant sein kann“!
Nun bleibt mir nur noch der Dank an das grandiose Mitarbeiterteam und dafür, dass ein solches Seminar möglich gemacht wurde!
Elisabeth Blunck



